Fahrzeuge

Bei einem Auto kommt es natürlich in erster Linie darauf an, wie es sich fährt. Aber sein Aussehen und das Gefühl hinter dem Lenkrad sind ebenso wichtig. Ferrari hat das von Anfang an verstanden
Text: Jason Barlow
Film: Rowan Jacobs

Haptik ist bei jedem Auto eine unterschätzte Eigenschaft.

Man denke nur an den 166 MM Barchetta aus den 1950er Jahren mit seinem riesigen Dreispeichen-Lenkrad mit Holzumrandung, das ein scheinbar schlichtes Interieur dominiert.

In einem großen, mittig montierten Messgerät sind drei kleinere eingebaut, die Temperaturen und Kraftstoffstand überwachen, an den Seiten von einem Drehzahlmesser und einem Tachometer flankiert. 

Die darauf folgende Baureihe 250 entwickelte sich in den 50er Jahren rasant weiter und erreichte ihren Höhepunkt mit dem 250 GT SWB passo corto, einem GT- und Rennwagen. Das Lenkrad ist kleiner und weniger formbetont, wodurch das Auto handlicher wird. 

Das Lenkrad dominiert den Innenraum des Ferrari 330 GTC von 1966

Die Hauptinstrumente sehen vertraut aus, große Messgeräte, die von Ferraris Partner Veglia geliefert werden. Die zusätzlichen Messgeräte sind nun quer über das Armaturenbrett verteilt. Übrigens fuhr der leider schon verstorbene, großartige Stirling Moss einen 250 GT Competizione bei der Goodwood Tourist Trophy 1960 zum Sieg und konnte sich den Live-Kommentar des Rennens im Radio des Autos anhören. Es war hilfreich, zu wissen, sagte er, wie groß die Lücken zu den nachfolgenden Autos waren …


1964 fügte der betörende 250 GT Lusso etwas mehr Luxus hinzu und gestaltete das Instrumentenlayout grundlegend neu. Jetzt wurden die Hauptmessgeräte in die Mitte in eine doppelte Einhausung verlegt, wobei die fünf Hilfsmessgeräte in einer separaten Kuppel vor dem Fahrer angeordnet waren. 1966 zeigte der 365 P Berlinetta Speciale, was in puncto Interieur möglich war, indem er trotz Mittelmotorkonfiguration und kompakter Abmessungen irgendwie drei Sitze im Auto unterbrachte. 


Beobachten Sie, wie sich das Ferrari-Cockpit in 75 Jahren unaufhörlicher Innovation weiterentwickelt

Aber erst der 365 GTB4 von 1968 – bekannt als Daytona – brachte die Idee des Ferrari GT mit Frontmotor auf Hochtouren, außen, aber auch innen. Jetzt waren alle Instrumente (insgesamt acht) in einer einzigen Kuppel vor dem Fahrer angeordnet. Für die Belüftung, einst ein nebensächlicher Aspekt, sorgte eine Reihe von vertikalen Schiebern. Die Sitze waren mit Einsätzen in Kontrastfarbe ausgestattet und selbst die Türverkleidungen waren auffallend futuristisch. 


Sein Nachfolger, der 365 GT4 2+2, war innen und außen kantig und zeitgemäß. Das Lenkrad wies auch weiterhin drei Speichen auf, wenn auch die Umrandung etwas stärker gepolstert war, aber die zusätzlichen Messgeräte waren jetzt sanft in Richtung Fahrer geneigt und befanden sich oben auf einer vergrößerten Mittelkonsole. Der Berlinetta Boxer mit Mittelmotor war im Inneren minimalistischer, eliminierte die Mittelkonsole zur Gänze, führte aber Kippschalter am Mitteltunnel und modische Türverkleidungen ein.  


Beim 308 GTS Quattrovalvole von 1980 sitzt alles auf Augenhöhe des Fahrers

Der F40 ist eines der großen Juwelen im Ferrari-Backkatalog, seine einzigartige Zweckmäßigkeit ist innen und außen deutlich sichtbar. Das Armaturenbrett ist eine einfache graue Fläche, der Dachhimmel aus perforiertem Vinyl. Es gibt keine inneren Türgriffe; stattdessen zieht man an einer Schnur. 


Sein Nachfolger F50 vertrat eine ähnliche Philosophie; eine einfache, aber schöne Carbonfaser-Verkleidung, die sich über die Breite des Cockpits erstreckt, das Lenkrad unterscheidet sich nicht von den Autos, mit denen die ganze Ferrari-Geschichte begonnen hat, ist aber doch irgendwie sehr modern. 


Der 456 GT und der 550 Maranello hatten beide imposante Mittelkonsolen und einen erneuten Schwerpunkt auf Materialien und Bauweise. Wie beim F50 kennzeichnen das Open-Gate-Getriebe und der Schalthebel diese Autos als die letzten der manuellen V12-Vertreter. Schaltwippen und Halbautomatik kamen erstmals 1997 mit der Aktualisierung des überaus erfolgreichen F355 auf den Markt, ein direkter Transfer von der Rennstrecke auf die Straße. So auch der Airbag, eine wichtige Innovation in puncto Sicherheit, ästhetisch jedoch nicht besonders ansprechend. 


Das interaktive Manettino-Lenkrad erschien erstmals 2004 auf dem F430

Aber es war der Enzo aus dem Jahr 2002, der die mit der Formel 1 verbundene Innovation vertiefte und eine Zeit schnell reifender Technologien einläutete. Ferrari hat die Hardware und Software des automatisierten Schaltgetriebes des Enzo für unglaublich interaktive Gangwechsel aktualisiert. Und das Lenkrad? Es orientiert sich an der Formel 1, wobei die Bedienelemente jetzt auf das Lenkrad wandern. Es ist oben abgeflacht, mit einer Reihe von LEDs, die das obere Ende des Drehzahlbereichs anzeigen. Sie leuchten in Schritten von 500 U/min auf, sobald die Schwelle von 5500 U/min überschritten wird. Es gibt Anzeigeknöpfe an den beiden Daumenauflagen und sechs Knöpfe auf beiden Seiten der Lenkradmitte. 


Noch ein Stück weiter ging Ferrari beim F430 von 2004, der die Einführung eines am Lenkrad montierten Drehschalters namens Manettino (kleiner Hebel auf Italienisch) vorsah. Er ist ein so intuitives Designelement, dass es bis heute verwendet wird. Das Blättern durch jede Einstellung ermöglicht es dem Fahrer, die Aufhängung, die CST-Stabilitäts- und Traktionskontrolle, das E-Diff und die Geschwindigkeit des automatisierten Getriebes zu ändern. Der rote ‚Motorstart‘-Knopf ist ein glorreiches Retro-Element. 


Das Cockpit des neuen 296 GTS mit dem Assetto Fiorano Paket

Diese Philosophie wurde im 458 Italia von 2009 wieder aufgegriffen, obwohl die Kabinenergonomie des Autos einen weiteren großen Sprung nach vorne machte. Der große, zentral montierte Drehzahlmesser befand sich vorne in der Mitte, flankiert von Audio- und Navigationsdisplays, auf die über zwei kleine Satelliten-Pods auf beiden Seiten des Lenkrads zugegriffen werden konnte. 


Jetzt orientiert sich die Steuerungslogik von Ferrari am Mantra ‚Augen auf die Straße, Hände am Lenkrad‘. Die neuesten Modelle, darunter 296 GTB, Roma und SF90 Stradale, verfügen über Cockpits, die für 2022-Standards umwerfend innovativ sind. Die digitale 16-Zoll-Kuppel der neuesten Generation vor dem Fahrer ist das Nonplusultra in Sachen Multitasking: Es vereint die Instrumententafel (der Drehzahlmesser steht weiterhin im Vordergrund), das Infotainment-Display und das Navigationssystem. Kapazitive Tasten am Lenkrad steuern eine Reihe weiterer sekundärer Funktionen. Die Schalthebel, die Blinkertasten, die Wischer- und Scheinwerfer-Bedienelemente sowie der Manettino für den Fahrmodus befinden sich allesamt am Lenkrad. 


Haptik ist und bleibt jedoch ein wichtiges Gebot.