Ein Ferrari-Rennen in den Farben Blau, Weiß ... und Rouge
Gordon Sorlini
Bei den diesjährigen 24 Stunden von Le Mans tritt das amerikanische Team Risi Competizione mit einer von einer französischen Kunstschule entworfenen Rennlackierung an, die extra für dieses Event vom Ferrari Club France „in Auftrag“ gegeben wurde
In diesem Jahr können wir bei den 24 Stunden von Le Mans eine äußerst ungewöhnliche „Allianz“ beobachten: Das amerikanische Team Risi Competizione aus Houston in Texas wird mit einem Ferrari an den Start gehen, dessen Lackierung im Auftrag des Ferrari Club France von einer französischen Kunstschule entworfen wurde.
Die Wurzeln dieser Geschichte reichen weit zurück, also müssen wir etwas weiter ausholen: Um genau zu sein, begann alles mit den 24 Stunden von Le Mans im Jahr 1966. Die meisten Ferraristi werden sich mit Bitterkeit daran erinnern, wie damals in einem historischen Coup drei Fords die ersten drei Plätze des Rennens einfuhren und damit dem Cavallino Rampante eine große Demütigung bescherten.
Einige Jahrzehnte später im Jahr 2016, genau 50 Jahre nach diesem (in den Augen der Ford-Fans) legendären Sieg, dann die 84. Ausgabe des berühmten französischen Langstreckenrennens: In der LM GTE Pro-Klasse scheint es zunächst so, als würde Ford abermals die ersten drei Plätze für sich entscheiden. Doch dann passiert etwas Unerwartetes: Der rote Ferrari 488 GTE mit der Nummer 82 des Teams Risi Competizione schafft es auf den zweiten Platz und zerstört damit den Traum des amerikanischen Autobauers. Man schlug Les Américains ein Schnippchen, was – unter uns gesagt – nie eine schlechte Sache ist.
„Wir waren wie in Ekstase, als Risi den „Fluch“ des Dreifachsiegs von Ford brach“, schwärmt Alexandre Lafond, seit 2017 Präsident des Club Ferrari France (FCF). Er erinnert sich: „Ich habe [dem Gründer und Manager des Teams] Giuseppe Risi eine Nachricht geschickt, um ihm zum zweiten Platz zu gratulieren. Wir haben wirklich sehr und sehr lange gehofft, dass er gewinnen würde.“ Laut Lafond, der zu diesem Zeitpunkt noch nicht Präsident des Clubs war, habe Ford massive Anstrengungen unternommen, um seinen historischen Dreifachsieg zu wiederholen. Die Genugtuung, eine Rossa inmitten der Fords platziert zu sehen, war also noch größer. „Wir haben Risi zu unserem Jahresabschlussdinner eingeladen. Er kam den ganzen Weg von Houston zu uns“, erinnert sich Lafond. „Er ist wirklich ein Gentleman, er spricht fließend Französisch, es war ein toller Moment.“
Und von diesem Moment an (zweifellos auch dank reichlich Champagner, der floss) wurde eine neue Tradition geboren: Einige der Mitglieder des Ferrari-Clubs fragten Risi beim Abendessen, ob er auf seinem nächsten Le-Mans-Auto einen kleinen Aufkleber des Clubs anbringen würde. Risi – Besitzer der Ferrari-Händlerniederlassung in Houston – folgte der Aufforderung und schickte für das 24-Stunden-Rennen von 2017 sein rotes Auto mit der Nummer 82 mit einem FCF-Aufkleber an den Start. Doch diesmal liefen die Dinge nicht gut: Risis Auto wurde in einen schweren Unfall verwickelt und aus dem Rennen geworfen, was die Chancen des Teams auf einen Sieg in der IMSA-Saison zunichte machte. In den folgenden zwei Jahren trat das Team nicht an.
Um auf seine Rückkehr zu den LMGTE Pro-Rennen in diesem Jahr aufmerksam zu machen (die 24 Stunden von Le Mans finden am 19. und 20. September statt), bat Risi Competizione Lafond, dem Team beim Entwurf einer unverwechselbaren Rennlackierung zu helfen. Der Präsident des Ferrari Club France, dessen Frau für die Pariser Designhochschule ENSAAMA arbeitet, wusste genau, an wen er sich wenden musste. Er schlug vor, unter den Studierenden der Hochschule einen Wettbewerb auszuschreiben, um eine neue Lackierung für Risi zu entwerfen. Diese Idee nahm der italoamerikanischeFerrarista mit Enthusiasmus auf.
Die Ausschreibung war einfach und präzise: „Wir forderten die Studentinnen und Studenten auf, kreativ zu sein, aber dabei auch technische Hürden im Auge zu behalten. Dazu zählte zum Beispiel die Erstellung von technischen und Produktionsdateien, wobei ihnen Fachleute zur Seite standen, um sicherzustellen, dass die Ideen auch umsetzbar waren“, erklärt Lafond. Natürlich war der Zuspruch der Studierenden gleichfalls enthusiastisch. „Wenn Sie sagen, entwerfen Sie bitte ein Design für einen Ferrari für Le Mans, stößt das natürlich auf großen Anklang“, fährt Lafond fort und betont, dass es auch einige Herausforderungen gab: „Die Studentinnen und Studenten wissen nichts über [Renn-]Geschichte, also ist es nötig, ihnen frühere Art Cars zu zeigen und ihnen mehr über die Geschichte zu erzählen. Aber die Aufforderung, das Design für einen Ferrari für Le Mans zu entwerfen, ruft immer großen Enthusiasmus hervor.“
Im Rahmen des Wettbewerbs entstanden mehrere äußerst ansprechende Vorschläge für eine neue Rennlackierung und die Wettbewerbsjury – bestehend aus Lafond, Risi und zwei Dozierenden der ENSAAMA – hatte es schwer, einen Gewinner auszumachen. Doch schließlich entschied man sich für die Rennlackierung „L'Académicienne“, ein Entwurf der beiden Studenten Augustin de Montardy und Aristide Renault (der nach Lafond trotz seines Namens nicht mit dem französischen Autokonzern verwandt sei).
Inspirationsquelle der Studenten war die Académie Française, deren Aufgabe es ist, den korrekten Gebrauch der französischen Sprache und die französische Kultur in der ganzen Welt zu fördern.
Das Team Risi war vom Siegerentwurf so angetan, dass es ihn auch abseits des Autos nutzen wollte. „Sie möchten die gesamte Box des Teams passend zum Auto gestalten, also arbeiten die Jungs gerade daran, den Entwurf für die Box anzupassen“, erklärt Lafond.
So entstehen neue Traditionen: aus Träumen und Leidenschaft – und einer guten Portion Compétition.