Leidenschaft

Mauro Forghieri ist nach schwerer Krankheit im Alter von 87 Jahren verstorben. Er war eine der bedeutendsten Persönlichkeiten in der Geschichte von Ferrari und fast vier Jahrzehnte lang eng mit dem Cavallino Rampante verbunden

Forghieri wurde in Modena als Sohn von Reclus – einem der fähigsten Mechaniker der Scuderia Ferrari – und Afra Gori geboren und zeichnete sich durch seinen temperamentvollen Charakter aus. Das Ferrari-Werk betrat er erstmals 1957 im Alter von 22 Jahren, um im Rahmen seines Ingenieurstudiums an der Universität Bologna erste Arbeitserfahrungen zu sammeln (heute würde man dies als Praktikum bezeichnen).


1959 kehrte er als festangestellter Mitarbeiter in das Unternehmen zurück. Zu dieser Zeit wurde die Rennabteilung von einer anderen charismatischen Persönlichkeit geleitet: Carlo Chiti. Zwischen Enzo Ferrari und Chiti kam es deshalb oft zu Reibereien – doch es waren genau diese Reibereien, denen Forghieri die Chance seines Lebens verdankte. Am Ende der triumphalen Saison von 1961 gerieten der Chef der Scuderia und andere Schlüsselmitarbeiter des Unternehmens mit Enzo Ferrari aneinander und verließen Maranello. Der weitsichtige Unternehmer beschloss daraufhin in einer plötzlichen Eingabe, die gesamte Rennabteilung dem jungen Mauro Forghieri anzuvertrauen – damals gerade mal 27 Jahre alt und mit einer Brille auf der Nase, deren Gläser so dick wie Flaschenböden waren.


Hinter dem Aufstieg von Forghieri steckte also das Genie von Enzo Ferrari, der in dem Modenaer große Zielstrebigkeit und einen außergewöhnlichen Ehrgeiz erkannt hatte. Und Forghieri stellte sich der Herausforderung, die diese Rolle mit sich brachte: Er war dynamisch und charismatisch, offenbarte trotz seines jungen Alters ein unabhängiges Denken mit originellen und bahnbrechenden Geistesblitzen und machte der ihm von Ferrari zugedachten wichtigen Position alle Ehre. 


Forghieri ist hier in einem Gespräch mit Enzo Ferrari bei einem Rennen Ende der 1960er Jahre zu sehen

Bei der Arbeit war er oft provokativ, doch gleichzeitig ein echter Bezugspunkt für das Team. Er hatte sowohl zu den Ingenieuren als auch zu den Mechanikern, mit denen er im modenaischen Dialekt sprach, einen besonderen Draht. Dadurch galt er im gesamten Werk als Bindeglied sowie als wichtige Stütze für das Team und das Unternehmen. Mit seinem Charisma gab er allen anderen das Gefühl, ein wichtiger Teil der Gruppe zu sein – selbst in einer so schwierigen Umgebung wie dem Spitzenmotorsport. Er motivierte stets das gesamte Team, sein Bestes zu geben: Das erkannte man sofort – nicht nur auf der Rennstrecke, sondern in allen Abteilungen des Werks.


Das Klima innerhalb des Unternehmens – einzigartig in puncto Ansporn und Kreativität – verstärkte Forghieris Genie, seine Kompetenz und seine Neugier und spornte ihn an, immer besser zu werden: Er entwickelte innovative und oftmals gänzlich neue Lösungen, die wiederum Einfluss auf die Arbeitsmoral des Teams hatten. Dieser Aspekt war wahrscheinlich der wichtigste seiner Arbeit, denn dadurch konnte Ferrari über die Jahre hinweg seine führende Rolle in der Automobiltechnologie behaupten.


Hier die Worte des Ingenieurs über den Moment, als er zum Chef der Scuderia ernannt wurde: „Als man mir die Rennabteilung anvertraute, gestand ich Ferrari, dass ich Angst hatte. Er beruhigte mich und sagte mir, dass ich seine vollste Unterstützung haben werde, dass ich niemals aufgeben und Angst davor haben sollte, etwas zu wagen.“ Doch Angst davor, etwas zu wagen, hatte Forghieri wahrlich nicht: Er überarbeitete den 250 GTO, indem er das Heck neu gestaltete und seine Leistung steigerte, wodurch der Wagen in den Sechzigern von einem „Killer-Auto“ zu einer „Siegeswaffe“ bei zahlreichen Rennen wurde. Auch war er für die Ausstattung von Formel-1-Autos mit großen Kotflügeln verantwortlich, nämlich bei den 312 F1, die 1968 von Chris Amon und Jacky Ickx gefahren wurden – und zwar bevor ein anderer Visionär, Colin Chapman, die Früchte dieser Innovation für seine Rennsportmarke Lotus erntete. 


Mauro Forghieri, der mit Jody Scheckter beim Großen Preis von Italien sprach, Weisheiten bei den 1000 km von Monza vermittelte, bei einer Pressekonferenz neben Enzo Ferrari saß und den ersten Tests des Ferrari 126 C2 auf der Rennstrecke von Fiorano im Jahr 1982 zusah

Es würde zu lange dauern, all die atemberaubenden Autos aufzuzählen, die Forghieri entworfen hat, doch folgende Zahlen machen deutlich, dass er zu den größten Rennwageningenieuren aller Zeiten gehört: 54 Siege bei Formel-1-Rennen, elf Weltmeisterschaften und neun Langstrecken-Titel. Er zeichnete sich stets durch seine Vielseitigkeit aus: Die Top-Ingenieure jener Zeit waren alle ausgesprochen talentiert, doch – mit wenigen Ausnahmen – nur auf ein einziges Gebiet spezialisiert. Manche waren Experten für Einsitzer, andere konzentrierten sich auf Sportwagen, wieder andere fokussierten sich auf das Layout, den Motor oder die Aerodynamik. Forghieri arbeitete in jedem dieser Bereiche mit beeindruckenden Ergebnissen, wobei er von seinen Mitarbeitern unterstützt wurde. Er verstand es, das Beste aus ihnen herauszuholen, auch wenn er manchmal vielleicht etwas schroff wirkte. So konnte er ein bereits erfolgreiches System ständig weiter verbessern, um dessen Erfolg zu erhalten – ein Merkmal, das sich wie ein roter Faden durch die Geschichte von Ferrari zieht.


Seine Beziehung zu Enzo Ferrari war außergewöhnlich: Ferrari war von brillanten Menschen fasziniert, so auch von Forghieris Talent. In ihm sah er die Erfüllung seines Tatendrangs: Man könnte es als eine Art Osmoseprozess beschreiben. Forghieri, der Ferrari in Sachen Intelligenz in nichts nachstand, ließ sich von diesem leiten, schlug aber je nach Situation auch seine eigenen Lösungen vor. Ob originell, extrem oder innovativ – stets konnte er sicher sein, dass Ferrari mit den von ihm gewählten Methoden und seinem einzigartigen Ansatz einverstanden sein würde, auch wenn er zuvor vielleicht seine Zweifel äußerte und alles sorgfältig prüfte.


Nur wenigen Designern ist es gelungen, so ikonische Einsitzer und Rennwagen zu entwerfen wie Forghieri. Er verstand es, Schönheit, Charme, technisches Know-how und Wert in seinen Maschinen zu vereinen – ein weiteres typisches Merkmal der Unternehmenstradition von Ferrari. Man denke nur an die Autos von Niki Lauda, die von 1975 bis 1977 den Sport dominierten, oder an die ersten Autos mit Turbomotor, die in den Händen von Gilles Villeneuve die „Tifosi“ zum Träumen brachten – und von den französischen Fahrern René Arnoux, Patrick Tambay und Didier Pironi erstmals zum Sieg gefahren wurden.


Forghieri war der Mann hinter einem der weltweit intensivsten und wichtigsten Kapitel in der Automobilgeschichte. Er widmete dem Unternehmen aus Maranello die produktivste Zeit seines Lebens und trug mit Leidenschaft und Hingabe dazu bei, das Image und die Glaubwürdigkeit der Marke Ferrari in der ganzen Welt zu festigen. Viele der denkwürdigsten Siege des Cavallino Rampante sind auch sein Verdienst.


An das Ende seiner Zeit bei Ferrari und die Ankündigung seines Weggangs im Jahr 1987 erinnerte sich Forghieri wie folgt: „Ich verlasse das Unternehmen“, sagte er zu Ferrari, der ihm antwortete: „Okay, dann geh, es wird ja nicht mehr lange dauern, bis ich auch gehe ...“


Jetzt haben die beiden Männer endlich die Gelegenheit, ihr Gespräch fortzusetzen.


Forghieri diskutiert Renntaktiken mit dem legendären Ferrari-F1-Fahrer Niki Lauda

Piero Ferrari, Vice President: „Als ich 1965 in das Unternehmen eintrat, teilte ich mir ein Büro mit Cavalier Giberti, dem ersten Mitarbeiter von Ferrari, während Mauro Forghieri, der einige Jahre zuvor eingestellt worden war, nebenan saß. Uns trennten also zehn Jahre Alter und ein Fenster. Tatsächlich sahen wir uns tagtäglich, den ganzen Tag lang. Forghieri war energisch und leidenschaftlich bei allem, was er tat. Er war optimistisch, und ich erinnere mich, dass ich bei vielen dieser endlosen Sitzungen in der Gestione Sportiva, die am Abend begannen und bis in die Nacht hinein dauerten, zwischen ihm und meinem Vater vermittelte. Ich weiß, dass mein Vater seine unermüdliche Arbeitsmoral schätzte und dass er wusste, dass all seine Fehler nur durch den Versuch entstanden, die Dinge zu verbessern und nach vorne zu kommen. Wir haben einen Teil unserer Geschichte verloren, einen Mann, der Ferrari und der Welt des Rennsports im Allgemeinen sehr viel gegeben hat.“


Mattia Binotto, Scuderia Ferrari Team Principal and Managing Director: „Heute ist ein sehr trauriger Tag für alle bei der Scuderia Ferrari. Wir trauern um Mauro Forghieri, einen der beeindruckendsten Menschen, die hier gearbeitet haben. Er wurde im Alter von 27 Jahren zum Teammanager ernannt und war mit seinen brillanten Ideen einer der letzten Allround-Ingenieure in der Automobilwelt. Ich habe ihn bei verschiedenen Gelegenheiten getroffen, und jedes Mal war es etwas Besonderes. Er war bis zum Schluss ein wirklich charismatischer Mensch. Seine revolutionären Ideen, sein lebhaftes Wesen und seine Fähigkeit, Menschen zu motivieren, haben dazu geführt, dass er in einigen der bedeutendsten Momente der Ferrari-Geschichte eine sehr wichtige Rolle spielte und mehr als die meisten anderen dazu beitrug, die Legende des Cavallino Rampante zu begründen. Wir werden ihn alle vermissen.“


Antonello Coletta, Head of Ferrari Attività Sportive GT: „Mauro Forghieri hat eine Schlüsselrolle in der Geschichte von Ferrari gespielt. Enzo Ferrari hatte die Fähigkeit, Menschen mitzureißen. Forghieri war bekannt für seine mitreißenden Ideen. Er war ein brillanter Erfinder, der auf technische Lösungen kam, die den meisten Ingenieuren seiner Zeit nicht im Traum eingefallen wären. Er war ein Designer, der die ihm zugedachte Rolle weit übertraf und zum Maßstab und zur Inspirationsquelle für alle wurde, die mit ihm zusammenarbeiteten. Seine Arbeit war von Eklektizismus geprägt und seine Neugier und sein Wunsch, Grenzen zu überschreiten, sicherten ihm einen festen Platz in der Geschichte von Ferrari und des Motorsports im Allgemeinen.“





02 novembre, 2022